Frau arbeitet mit einem Laptop unter Palmen und führt einen Videoanruf
VIE·VOY MAGAZIN
Auf ReisenDigital NomadsRemote Work

Digital Nomads in Canggu: Reisen wir noch oder arbeiten wir nur woanders?

11.000 Kilometer geflogen, Palmen vor der Tür – und erst einmal Slack öffnen. Canggu zeigt wie kaum ein anderer Ort den Widerspruch des modernen Reisens: Wir können heute überall leben und arbeiten. Aber sind wir dadurch wirklich weiter weg – oder nehmen wir unseren Alltag einfach mit?
07.08.2026Julia Perner8 Min. Lesezeit
ZWISCHEN WIEN & DER WELT ORTE · MENSCHEN · MOMENTE

11.000 Kilometer geflogen – um im Café am Laptop zu sitzen

Du wachst auf Bali auf. Draußen sind 28 Grad, irgendwo zwischen Palmen liegt der Indische Ozean und theoretisch könnte dieser Tag nach Abenteuer aussehen. Praktisch öffnest du erst einmal Slack.

Danach geht es ins Café. Iced Latte, Laptop auf, Kopfhörer rein. Zwei Stunden Calls, ein paar Mails, kurz Instagram, noch einen Kaffee. Am Nebentisch sitzt jemand aus Berlin in einem Zoom-Meeting, gegenüber arbeitet eine Frau aus Sydney an einer Präsentation und irgendwo dazwischen wird gerade darüber diskutiert, welches Coworking Space das bessere WLAN hat.

Willkommen in Canggu.

Oder vielleicht auch in Lissabon. Tulum. Dubai. Chiang Mai.

Denn eine der spannendsten Veränderungen des modernen Reisens ist nicht, wohin wir fahren.

Sondern wie wenig wir dort manchmal unseren Alltag verlassen.

Reisen wir noch – oder verlegen wir nur unser Leben?

Noch vor wenigen Jahrzehnten bedeutete eine lange Reise zwangsläufig Distanz. Man war weg. Nicht nur geografisch, sondern auch vom eigenen Alltag, vom Büro, von Kollegen und von der ständigen Erreichbarkeit.

Heute passen große Teile unseres Lebens in einen 14-Zoll-Laptop.

Das ist eine unglaubliche Freiheit. Menschen können dort arbeiten, wo andere Urlaub machen. Morgens ein Call, mittags ein Sprung ins Meer, abends Sonnenuntergang am Strand. Für frühere Generationen wäre diese Möglichkeit vermutlich ziemlich nah an Science-Fiction gewesen.

Doch genau diese Freiheit erzeugt einen merkwürdigen Widerspruch.

Wir können unseren Alltag überallhin mitnehmen.

Und tun es deshalb auch.

Canggu ist das perfekte Labor des modernen Reisens

Kaum ein Ort verkörpert diese Entwicklung so sichtbar wie Canggu auf Bali. Aus einem Gebiet mit Reisfeldern, Dörfern und Surfspots wurde innerhalb relativ kurzer Zeit einer der bekanntesten Treffpunkte für internationale Remote Worker, Unternehmer, Kreative und Langzeitreisende.

Heute gehören Coworking, Specialty Coffee, Fitnessstudios, Pilates, Smoothie Bowls und schnelles WLAN ebenso zum Bild wie Surfbretter und Sonnenuntergänge.

Das macht Canggu weder gut noch schlecht.

Es macht den Ort interessant.

Denn hier lässt sich beobachten, was passiert, wenn Menschen zwar um die halbe Welt reisen, aber gleichzeitig möglichst wenig auf die Komfortzone verzichten wollen, die sie von zu Hause kennen.

Der Laptop hat das Reisen verändert

Früher war die Postkarte die Verbindung nach Hause. Heute ist Zuhause permanent dabei.

WhatsApp funktioniert. Netflix funktioniert. Die eigene Playlist funktioniert. Freunde sind per FaceTime erreichbar. Der Algorithmus zeigt dieselben Inhalte wie in Wien, Berlin oder London. Und sobald der Laptop aufgeklappt wird, wartet dieselbe digitale Arbeitswelt, die man vor dem Abflug zurückgelassen hat.

Geografische Entfernung bedeutet deshalb nicht mehr automatisch mentale Entfernung.

Man kann auf Bali sitzen und trotzdem acht Stunden lang vollständig in Europa sein.

Das ist vielleicht eine der großen Paradoxien unserer Zeit: Noch nie war es so einfach, weit weg zu sein. Und noch nie war es so einfach, trotzdem nicht wirklich weg zu sein.

Warum suchen wir am anderen Ende der Welt nach Dingen, die wir schon kennen?

Es ist ein faszinierendes Muster. Wir reisen in eine völlig andere Kultur und freuen uns dann über das Café, das genauso aussieht wie unser Lieblingscafé zu Hause.

Minimalistisches Interior.

Flat White.

Avocado Toast.

Schnelles WLAN.

Eine Steckdose direkt am Tisch.

Das ist nicht unbedingt oberflächlich. Vertrautheit gibt Sicherheit. Gerade wer mehrere Monate unterwegs ist oder gleichzeitig arbeitet, möchte nicht jeden Morgen sein gesamtes Leben neu organisieren.

Doch irgendwann lohnt sich die Frage: Wie viel Vertrautheit brauchen wir – und ab welchem Punkt verhindert sie, dass wir den Ort erleben, für den wir überhaupt gekommen sind?

Wenn überall auf der Welt dasselbe Café steht

Manchmal wirkt modernes Reisen erstaunlich standardisiert. Bestimmte Cafés in Bali, Mexico City, Lissabon oder Dubai könnten ihre Einrichtung tauschen, ohne dass es jemand sofort bemerken würde.

Dieselben hellen Holztische. Ähnliche Keramik. Matcha. Specialty Coffee. Laptopfreundliche Plätze. Eine Speisekarte auf Englisch.

Das hat Vorteile. Man findet sich sofort zurecht.

Gleichzeitig entsteht eine neue Art globaler Bubble: Orte, die geografisch tausende Kilometer voneinander entfernt sind, sich kulturell aber erstaunlich ähnlich anfühlen.

Man reist um die Welt – und landet immer wieder im selben Café.

Die Bali Bubble beginnt dort, wo Reibung verschwindet

Reisen war lange auch deshalb intensiv, weil es unbequem sein konnte. Man verstand etwas nicht. Verlief sich. Bestellte das Falsche. Musste fragen. Beobachten. Improvisieren.

Genau diese kleinen Reibungen zwangen uns dazu, uns mit einem Ort auseinanderzusetzen.

Die moderne Travel-Infrastruktur versucht viele davon zu beseitigen. Apps organisieren Transport, Übersetzungen passieren am Smartphone, Bewertungen sagen uns, wo wir essen sollen, und Social Media zeigt uns schon vor der Ankunft, welche Orte „gut“ sind.

Das macht Reisen einfacher.

Aber Einfachheit hat einen Preis: Je perfekter die Bubble funktioniert, desto weniger muss man sie verlassen.

Digital Nomad zu sein ist trotzdem ein Privileg

Bei aller Kritik sollte man eines nicht vergessen: Ortsunabhängig arbeiten zu können, ist eine außergewöhnliche Möglichkeit.

Nicht jeder Mensch, der in Canggu mit einem Laptop sitzt, spielt Urlaub. Viele arbeiten tatsächlich – teilweise mehr Stunden als zu Hause. Andere bauen Unternehmen auf, arbeiten für Kunden in verschiedenen Zeitzonen oder nutzen die Freiheit, einige Monate an einem anderen Ort zu leben.

Das romantische Bild vom Digital Nomad, der morgens zwei Mails beantwortet und danach surfen geht, ist eben auch nur ein Instagram-Ausschnitt.

Remote Work hat Reisen für viele Menschen grundlegend verändert. Aus zwei Wochen Urlaub können zwei Monate werden. Man muss nicht mehr zwischen „arbeiten“ und „reisen“ wählen.

Die spannendere Frage ist deshalb nicht, ob diese Lebensweise richtig oder falsch ist.

Sondern was sie mit dem Reisen selbst macht.

Wann wird aus Reisen eigentlich Leben?

Wer drei Tage auf Bali ist, möchte möglichst viel sehen. Wer drei Monate bleibt, kann nicht jeden Tag einen Wasserfall besuchen.

Irgendwann braucht man Routine.

Man hat sein Café. Sein Gym. Seinen Supermarkt. Vielleicht sogar den Tisch, an dem man am liebsten arbeitet.

Und genau dort verschwimmt die Grenze zwischen Reisen und Wohnen.

Das ist nicht unbedingt ein Verlust. Im Gegenteil: Langsameres Reisen kann eine Destination viel intensiver erfahrbar machen als ein hektischer Kurztrip.

Aber nur, wenn man zulässt, dass der Ort selbst Teil der Routine wird.

Nicht nur die internationale Bubble darin.

Vielleicht müssen wir nicht weniger arbeiten – sondern anders reisen

Das Problem ist also nicht der Laptop.

Es ist auch nicht der Flat White.

Und niemand erlebt Bali automatisch authentischer, nur weil er sein Handy ausschaltet und in einem möglichst kleinen Dorf sitzt.

Die interessantere Frage lautet: Wie viel Raum geben wir einem Ort, uns zu verändern?

Gehen wir immer in dieselben international empfohlenen Cafés oder setzen wir uns auch dorthin, wo wir die Speisekarte nicht sofort verstehen? Treffen wir ausschließlich Menschen, die genauso leben wie wir? Wissen wir nach drei Monaten mehr über lokale Kultur – oder nur, welcher Beach Club dienstags den besten Deal hat?

Authentisches Reisen lässt sich nicht bestellen.

Aber Neugier schon mitbringen.

Vielleicht ist der wahre Luxus heute, nicht erreichbar zu sein

Lange galt Reisen selbst als Luxus. Heute könnte ein anderer Luxus seltener geworden sein: für ein paar Stunden nirgendwo anders sein zu müssen.

Kein Call.

Keine Nachricht.

Kein Feed.

Kein Gedanke daran, was gerade zu Hause passiert.

Nur der Ort, an dem man tatsächlich sitzt.

Vielleicht besteht modernes Fernweh deshalb nicht mehr nur darin, möglichst weit wegzufliegen. Vielleicht sehnen wir uns nach etwas, das geografische Entfernung allein längst nicht mehr garantiert:

echte Abwesenheit.

Canggu ist dafür ein wunderbarer Widerspruch. Ein Ort, der Menschen aus aller Welt die Freiheit gibt, von Bali aus zu arbeiten – und gleichzeitig zeigt, wie schwer es geworden ist, Arbeit, Gewohnheiten und digitale Routinen wirklich zurückzulassen.

Vielleicht ist es also gar nicht absurd, 11.000 Kilometer zu fliegen und dann im Café am Laptop zu sitzen.

Vielleicht ist es einfach die ehrlichste Momentaufnahme davon, wie wir heute reisen.

Die spannendere Frage beginnt erst danach:

Wann klappen wir ihn wieder zu?

← Zurück zum Magazin
KONZEPT & REDAKTION VIE·VOY