
Das morbide Wien: Warum Wiener mit dem Tod Schmäh führen
Morbid, aber gemütlich: Warum Wien sogar mit dem Tod Schmäh führt
In anderen Städten versucht man, dem Tod möglichst aus dem Weg zu gehen. In Wien hat man ihm Lieder gewidmet, einen der größten Friedhöfe Europas gebaut und mit der „schönen Leich“ sogar einen Ausdruck dafür gefunden, dass ein Begräbnis durchaus etwas Repräsentatives haben darf.
Das klingt düster. Ist es aber nicht unbedingt.
Denn das besondere Verhältnis Wiens zum Tod besteht weniger darin, dass man hier ständig ans Sterben denkt. Vielmehr hat die Stadt eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt, das Unvermeidliche mit schwarzem Humor, Ritualen und einer gewissen Gelassenheit ins Leben zu integrieren.
Oder anders gesagt: In Wien darf selbst der Tod ein bisserl Schmäh haben.
Warum gilt Wien als so morbide?
Wiens Ruf als morbide Stadt hat historische und kulturelle Wurzeln. Tod und Vergänglichkeit sind seit Jahrhunderten auffallend präsent – in Musik und Literatur, in der Bestattungskultur, auf Friedhöfen und nicht zuletzt im berühmten schwarzen Wiener Humor.
Dabei ist „morbid“ in Wien nicht automatisch gleichbedeutend mit düster oder deprimierend. Es beschreibt vielmehr diese eigentümliche Nähe zum Thema Tod: Man spricht darüber, macht manchmal einen Witz darüber und geht anschließend auf einen Kaffee.
Tod und Lebensfreude müssen hier keine Gegensätze sein.
Vielleicht funktioniert das eine sogar besser, wenn man das andere nicht völlig verdrängt.
„A schöne Leich“ – wenn selbst das Begräbnis Eindruck machen soll
Kaum ein Ausdruck erzählt so viel über das alte Wiener Verhältnis zum Tod wie „a schöne Leich“. Gemeint ist damit nicht der Verstorbene selbst, sondern ein besonders würdiges, repräsentatives Begräbnis.
Vor allem im Wien des 19. Jahrhunderts konnte die Beerdigung auch gesellschaftliches Ereignis sein. Trauerzug, Zeremonie, Blumen und die Zahl der Trauergäste zeigten, welchen Stellenwert jemand zu Lebzeiten gehabt hatte.
Der Ausdruck klingt aus heutiger Sicht fast makaber. Gleichzeitig steckt darin etwas sehr Wienerisches: Wenn schon der letzte Auftritt, dann bitte ordentlich.
Ein bisschen Würde.
Ein bisschen Inszenierung.
Und vermutlich hätten manche auch dazu noch etwas zu sudern gehabt.
Der Wiener Zentralfriedhof: Wo der Tod fast zum Spaziergang einlädt
Wer verstehen möchte, warum Wien mit dem Tod anders umgeht, sollte den Wiener Zentralfriedhof besuchen. Er ist nicht nur Begräbnisstätte, sondern ein riesiger Landschaftsraum mit Alleen, historischen Grabmälern und den Ruhestätten zahlreicher bekannter Persönlichkeiten.
Hier liegen unter anderem Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Johann Strauss und Falco. Gleichzeitig ist der Zentralfriedhof ein Ort, an dem Menschen spazieren gehen, Architektur betrachten, Geschichte entdecken und mit etwas Glück sogar Wildtiere beobachten.
Das wirkt zunächst ungewöhnlich.
Ein Friedhof als Ausflugsziel?
In Wien schon.
Vielleicht zeigt sich gerade hier die besondere Beziehung der Stadt zur Vergänglichkeit: Der Friedhof wird nicht vollständig vom Leben getrennt. Er bleibt Teil der Stadt.
Warum Wiener so gerne über den Tod scherzen
Der Wiener Humor hatte schon immer eine dunklere Seite. Schwarzer Humor macht den Tod nicht bedeutungslos, sondern nimmt ihm für einen Moment seine Macht.
Statt ehrfürchtig um das Thema herumzureden, nähert man sich ihm mit Ironie. Nicht, weil Sterben lustig wäre, sondern weil Humor eine Möglichkeit ist, mit etwas umzugehen, das sich ohnehin nicht ändern lässt.
Genau hier trifft die Wiener Morbidität auf den Wiener Schmäh.
Beide lieben Zwischentöne. Beide können gleichzeitig ernst und nicht ganz ernst sein. Und beide funktionieren am besten, wenn man versteht, dass hinter dem Witz durchaus Melancholie stecken kann.
Der Tod hat in Wien sogar ein Museum
Dass Wien seine Bestattungskultur nicht nur bewahrt, sondern sogar ausstellt, passt erstaunlich gut zur Stadt. Das Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof beschäftigt sich mit Begräbnisritualen, historischen Bestattungsformen und der besonderen Wiener Beziehung zum Tod.
Schon die Existenz eines solchen Museums sagt einiges aus.
Andere Städte präsentieren ihre Kaiser, Künstler und Paläste. Wien selbstverständlich auch.
Aber Wien zeigt einem eben zusätzlich, wie es seine Toten begräbt.
Konsequenter geht es eigentlich kaum.
Zwischen Mozart, Falco und „Es lebe der Zentralfriedhof“
Auch in der Wiener Kultur taucht der Tod immer wieder auf. In Musik, Literatur und Theater wird gestorben, betrauert und über die Vergänglichkeit nachgedacht – manchmal ernst, manchmal mit einem Augenzwinkern.
Besonders ikonisch wurde Wolfgang Ambros’ „Es lebe der Zentralfriedhof“. Schon der Titel enthält diesen typisch wienerischen Widerspruch: Es lebe – der Friedhof.
Vielleicht lässt sich die Beziehung Wiens zum Tod kaum besser zusammenfassen.
Leben und Sterben stehen nicht sauber getrennt nebeneinander. Sie dürfen sich widersprechen, überschneiden und gelegentlich sogar gemeinsam in einer Pointe landen.
Was hat das alles mit Gemütlichkeit zu tun?
Erstaunlich viel.
Denn die Wiener Gemütlichkeit bedeutet nicht zwangsläufig, dass alles fröhlich und unbeschwert sein muss. Ein Kaffeehaus kann gemütlich und gleichzeitig melancholisch sein. Ein Lied kann traurig klingen und trotzdem Wärme ausstrahlen. Und ein Spaziergang über einen Friedhof kann nachdenklich sein, ohne bedrückend zu werden.
Vielleicht liegt darin eine Besonderheit Wiens: Melancholie muss nicht sofort repariert werden.
Man darf bei ihr sitzen bleiben.
Am besten bei einem Kaffee.
Ist Wien wirklich morbider als andere Städte?
Natürlich ist das Bild vom morbiden Wien auch ein Klischee. Menschen in Wien verbringen ihren Alltag nicht damit, über Beerdigungen nachzudenken, und schwarzer Humor ist keineswegs ausschließlich eine Wiener Erfindung.
Aber Klischees halten sich besonders hartnäckig, wenn ein Stück Wahrheit darin steckt.
In Wien begegnet man dem Tod tatsächlich auffallend häufig als Teil der Kulturgeschichte. Der Zentralfriedhof ist Sehenswürdigkeit, die „schöne Leich“ Teil des sprachlichen Erbes und die Bestattungskultur sogar museumswürdig.
Entscheidend ist aber weniger, wie oft der Tod vorkommt, sondern wie mit ihm umgegangen wird.
Mit Respekt, ja.
Aber nicht immer mit ehrfürchtigem Schweigen.
Vielleicht ist die Wiener Morbidität eigentlich Lebenskunst
Am Ende erzählt die berühmte Wiener Nähe zum Tod möglicherweise weniger über das Sterben als über das Leben.
Wer weiß, dass alles irgendwann vorbei ist, kann darüber verzweifeln.
Oder einen Kaffee bestellen.
Wien hat sich kulturell erstaunlich oft für die zweite Variante entschieden.
Vielleicht erklärt das diese besondere Mischung aus Melancholie und Genuss, aus schwarzem Humor und Gemütlichkeit. Man verdrängt die Vergänglichkeit nicht vollständig, lässt sich von ihr aber auch nicht den ganzen Nachmittag verderben.
Der Tod gehört dazu.
Das Leben allerdings auch.
Und wenn sich beides schon nicht vermeiden lässt, kann man wenigstens einen Schmäh darüber machen.
Morbid? Vielleicht.
Aber irgendwie auch sehr gemütlich.