
„Schau ma mal“: Bedeutung & die Wiener Kunst der Unverbindlichkeit
„Schau ma mal.“ – Die Wiener Kunst, sich auf absolut nichts festzulegen
Es gibt Menschen, die sagen Ja. Andere sagen Nein. Und dann gibt es Wien. Hier hat man für Situationen, in denen man sich lieber noch nicht entscheiden möchte, eine wesentlich elegantere Antwort gefunden: „Schau ma mal.“
Zwei Wörter, die freundlich klingen, Hoffnung machen und trotzdem keinerlei Verpflichtung erzeugen. Denn „Schau ma mal“ kann bedeuten: Vielleicht. Grundsätzlich gerne. Eher nicht. Frag mich später noch einmal. Oder auch: Wir wissen beide, dass das niemals passieren wird, aber warum sollten wir uns jetzt mit einer unangenehmen Absage die Stimmung verderben?
Vielleicht ist „Schau ma mal“ deshalb weniger eine Redewendung als eine kleine Wiener Lebensphilosophie: Warum sich heute festlegen, wenn man morgen noch immer schauen kann?
Was bedeutet „Schau ma mal“ eigentlich?
„Schau ma mal“ ist die österreichisch-wienerische Form von „Schauen wir mal“ und bedeutet je nach Situation „Mal sehen“, „Vielleicht“ oder „Warten wir ab“. Entscheidend sind wie so oft in Wien Tonlage, Kontext und die Beziehung zwischen den Menschen.
„Gehen wir nächste Woche essen?“
„Ja, schau ma mal!“
Durchaus möglich.
„Kommst am Sonntag um sechs Uhr früh mit mir laufen?“
„Schau ma mal.“
Eher nicht.
Und wenn das „Schau ma mal“ besonders langsam ausgesprochen wird, sollte man vielleicht noch keine Reservierung vornehmen.
Die höflichste Form, nicht Nein sagen zu müssen
Ein direktes Nein hat etwas unangenehm Endgültiges. Die Sache ist entschieden, die Tür geschlossen und möglicherweise möchte das Gegenüber auch noch wissen, warum.
„Schau ma mal“ erspart einem all das.
Die Tür bleibt offen. Vielleicht nur einen Spalt breit, aber technisch gesehen ist sie offen. Man muss weder zusagen noch absagen und kann die endgültige Entscheidung elegant an sein zukünftiges Ich delegieren.
Sollte der Plan tatsächlich stattfinden, war man schließlich immer offen dafür. Wird er nie wieder erwähnt, hat man auch nichts versprochen.
Kommunikativ betrachtet ist das ziemlich effizient.
Die Tonlage entscheidet über deine Chancen
Wie bei „Na eh“, „Geh bitte“ und vielen anderen österreichischen Ausdrücken steckt die eigentliche Bedeutung oft weniger in den Wörtern als in ihrer Aussprache.
Ein interessiertes „Ja, schau ma mal!“ kann ehrliche Offenheit ausdrücken. Ein gedehntes „Schaau ma mal …“ klingt bereits deutlich vorsichtiger. Das kurze, emotionslose „Schau ma mal.“ wiederum ist ein guter Anlass, die eigenen Erwartungen überschaubar zu halten.
Eine brauchbare Faustregel lautet: Je enthusiastischer du deinen Vorschlag präsentierst und je weniger enthusiastisch das „Schau ma mal“ zurückkommt, desto unwahrscheinlicher wird die gemeinsame Zukunft dieses Plans.
„Wird scho“ – Optimismus auf Österreichisch
Eng verwandt mit „Schau ma mal“ ist ein weiterer Klassiker:
„Wird scho.“
Zwei Wörter, die gleichzeitig beruhigend und erstaunlich informationsarm sein können.
„Glaubst, das funktioniert?“
„Wird scho.“
Warum?
Unklar.
Wie?
Werden wir sehen.
Gibt es einen Plan?
Nicht zwingend.
Trotzdem steckt in „Wird scho“ eine besondere Form von Optimismus. Nicht das euphorische „Everything will be amazing!“, sondern die wesentlich nüchternere österreichische Überzeugung, dass sich die Sache irgendwie ausgehen wird.
Und falls nicht, war’s halt nix.
„Meld ma uns“ – ein Plan, der noch keiner ist
Am Ende eines Treffens fällt gerne ein weiterer Klassiker:
„Meld ma uns.“
Auf Hochdeutsch: Wir melden uns.
Wer sich meldet, wann das passiert und was danach konkret passieren soll, bleibt zunächst offen.
Genau darin liegt die Schönheit dieses Satzes. Beide gehen mit dem angenehmen Gefühl auseinander, bereits ein zukünftiges Wiedersehen vereinbart zu haben, obwohl man eigentlich nur vereinbart hat, irgendwann vielleicht über ein Wiedersehen zu sprechen.
Natürlich kann „Meld ma uns“ vollkommen ernst gemeint sein.
Ob es das war, erfährt man später.
Oder eben nicht.
„Das geht sich schon aus“ – Vertrauen ohne belastbare Grundlage
Kaum ein Satz klingt österreichischer als „Das geht sich schon aus.“ Gemeint ist damit, dass etwas zeitlich, räumlich oder organisatorisch funktionieren beziehungsweise reichen wird.
Der Zug fährt in zwanzig Minuten und man sitzt noch beim Kaffee?
„Geht sich aus.“
Die Deadline ist morgen und ungefähr die Hälfte fehlt?
„Geht sich schon aus.“
Ob diese Einschätzung auf einer sorgfältigen Analyse basiert, ist nicht zwingend relevant. Das kleine „schon“ übernimmt einen erstaunlichen Teil der Verantwortung.
Es wird funktionieren.
Vermutlich.
Schau ma mal.
„Passt eh“ – wenn Begeisterung nicht übertrieben werden muss
Auch „Passt eh“ gehört in diese sprachliche Familie. Für Außenstehende klingt es manchmal nach einem eher mittelmäßigen Urteil. In Österreich kann es durchaus bedeuten, dass alles vollkommen in Ordnung ist.
„Wie war das Hotel?“
„Passt eh.“
War es gut?
Ja.
Sehr gut?
Möglicherweise.
Warum klingt es dann nicht danach?
Weil man nicht aus jeder zufriedenstellenden Erfahrung ein emotionales Großereignis machen muss.
Österreichische Begeisterung arbeitet gerne mit reduzierter Lautstärke.
Ist „Schau ma mal“ eine höfliche Absage?
Manchmal ja. Aber eben nicht immer.
Genau das macht den Ausdruck so praktisch und gleichzeitig so gefährlich. „Schau ma mal“ kann ehrliches Interesse bedeuten, wenn jemand tatsächlich noch nicht weiß, ob ein Plan funktioniert. Es kann aber genauso eine weiche Absage sein, mit der man ein direktes Nein vermeidet.
Der Unterschied zeigt sich meistens nicht im Moment des Gesprächs, sondern danach.
Wird ein konkreter Termin vorgeschlagen, war das Interesse vermutlich echt.
Hört man nie wieder etwas davon?
Na ja.
Dann hat man jetzt auch eine Antwort.
Warum passt „Schau ma mal“ so gut zu Wien?
Vielleicht weil Wien ohnehin ein leicht angespanntes Verhältnis zu übertriebener Euphorie pflegt. Große Versprechen wirken schnell verdächtig. Ein bisschen Skepsis, ein wenig Distanz und die Möglichkeit, später noch seine Meinung zu ändern, fühlen sich wesentlich komfortabler an.
Dahinter steckt aber auch etwas Sympathisches: Nicht alles im Leben muss sofort entschieden werden. Man darf Dinge offenlassen, Entwicklungen abwarten und akzeptieren, dass man heute vielleicht noch gar nicht weiß, worauf man nächste Woche Lust hat.
„Schau ma mal“ kann deshalb Unverbindlichkeit sein.
Aber eben auch Gelassenheit.
Kann man als Wien-Besucher „Schau ma mal“ sagen?
Na eh.
Der Ausdruck ist unkompliziert und wird verstanden. Schwieriger ist nur, ihn so beiläufig zu verwenden, wie Menschen, die ihn seit Jahren sagen.
Wie beim Wiener Schmäh gilt deshalb: nicht zu sehr bemühen. Zuhören reicht vollkommen. Irgendwann kommt der Moment ohnehin von selbst.
Jemand schlägt etwas vor, auf das man grundsätzlich Lust hätte. Man möchte weder zusagen noch absagen. Eigentlich weiß man selbst noch nicht genau, was man will.
Und plötzlich sagt man:
„Ja … schau ma mal.“
Dann hat man eine ziemlich wichtige Wiener Lektion gelernt.
Nicht jede Frage braucht sofort eine Entscheidung. Nicht jeder Plan einen fixen Termin und nicht jedes Vielleicht muss irgendwann zu einem Ja werden.
Ob das eine besonders gute Lebensphilosophie ist?
Schau ma mal.