
7 Wiener Kaffeehäuser, die keine Touristenfallen sind
7 Wiener Kaffeehäuser, die keine Touristenfalle sind
Wer in Wien ein Kaffeehaus sucht, landet erstaunlich schnell dort, wo vor der Tür bereits die nächste Reisegruppe wartet. Das muss nicht automatisch schlecht sein – manche der berühmtesten Häuser der Stadt sind schließlich aus gutem Grund berühmt. Aber die eigentliche Wiener Kaffeehauskultur beginnt oft dort, wo niemand nervös auf die Uhr schaut und ein einzelner Kaffee noch immer als vollkommen legitimer Grund gilt, den halben Nachmittag sitzen zu bleiben.
Ein gutes Wiener Kaffeehaus erkennt man nämlich nicht an der perfekten Sachertorte im Schaufenster. Sondern an Zeitungen, Stammgästen, einem Ober, der nicht alle drei Minuten nach dem Wohlbefinden fragt, und diesem schwer beschreibbaren Gefühl, dass der Raum schon lange vor einem da war und vermutlich auch nach einem genauso weitermachen wird.
Hier sind sieben Wiener Kaffeehäuser, in denen man nicht nur Kaffee bekommt, sondern noch versteht, warum Wien überhaupt eine Kaffeehauskultur hat.
1. Café Jelinek – ein bisschen so, als hätte jemand vergessen, die Zeit weiterzudrehen
Nur wenige Schritte von der Mariahilfer Straße entfernt liegt ein Kaffeehaus, das sich erstaunlich erfolgreich dem Drang widersetzt, modern aussehen zu müssen. Im Café Jelinek gibt es alte Möbel, Zeitungen, Mehlspeisen und sogar einen schmiedeeisernen Ofen – vieles wirkt, als hätte sich seit Jahrzehnten niemand ernsthaft gefragt, ob man das Interieur nicht einmal „updaten“ sollte.
Genau deshalb ist es so gut.
Das Jelinek ist kein Geheimtipp mehr, aber es besitzt noch diese seltene Qualität eines echten Wiener Kaffeehauses: Man kommt nicht nur her, um etwas zu konsumieren. Man kommt her, um da zu sein. Lesen, reden, schauen, sitzen. Vielleicht noch einen Guglhupf dazu.
Warum hingehen: Weil hier das Kaffeehaus selbst die Sehenswürdigkeit ist – ohne sich wie eine zu benehmen.
2. Café Sperl – großes Wien ohne großes Theater
Das Café Sperl gibt es seit 1880, und beim Betreten versteht man ziemlich schnell, warum Menschen beim Thema Wiener Kaffeehaus so sentimental werden können. Hohe Räume, Thonet-Sessel, Billardtische, Zeitungen und diese wunderbare Mischung aus Eleganz und leichter Patina.
Natürlich verirren sich auch Besucher hierher. Das Sperl ist schließlich längst bekannt. Trotzdem fühlt es sich nicht wie ein Kaffeehaus an, das ausschließlich für eine touristische Vorstellung von Wien existiert. Hier wird gelesen, diskutiert, Billard gespielt und vor allem: geblieben.
Das ist vielleicht überhaupt der wichtigste Unterschied zwischen einem Café und einem Wiener Kaffeehaus. Im Café bestellt man einen Kaffee. Im Kaffeehaus bestellt man Zeit.
Warum hingehen: Weil man hier versteht, dass Wiener Kaffeehauskultur weniger mit Kaffee als mit dem Recht auf gepflegtes Herumsitzen zu tun hat.
3. Café Schopenhauer – Kaffeehaus trifft Wohnzimmer trifft Buchhandlung
Wer das touristische Zentrum verlässt und Richtung Währing fährt, findet mit dem Café Schopenhauer eine ganz andere Version der Wiener Kaffeehauskultur. Traditionelle Elemente treffen hier auf Bücher, Kartenspieler und ein jüngeres, entspannteres Publikum.
Das Schöne daran: Es versucht weder krampfhaft altmodisch noch demonstrativ modern zu sein. Genau dadurch fühlt es sich lebendig an. Neben Menschen, die seit Jahren kommen, sitzen Studierende und jüngere Wiener, und das Kaffeehaus funktioniert wieder als das, was es historisch immer war: ein öffentlicher Raum zum Lesen, Denken, Diskutieren und Zeitverbringen.
Warum hingehen: Weil Wiener Kaffeehauskultur hier nicht konserviert, sondern weitergelebt wird.
4. Café Weimar – das Kaffeehaus, in das die Nachbarschaft noch wirklich geht
Direkt bei der Volksoper liegt eines dieser Häuser, an denen man als Tourist leicht vorbeifahren könnte – und genau das ist ein Teil seines Charmes. Das Café Weimar besteht seit 1900 und ist bis heute Treffpunkt für Menschen aus dem Grätzl, Geschäftsleute und Besucher der Volksoper.
Innen bekommt man das volle klassische Wien: hohe Räume, Kronleuchter, Kaffee auf dem Tablett, Mehlspeisen und einen Bösendorfer-Flügel. Aber anders als in manchen berühmten Innenstadtcafés fühlt sich das Ganze weniger nach Kulisse an.
Man sitzt hier nicht in einer Rekonstruktion des alten Wien. Das alte Kaffeehaus ist einfach noch da.
Warum hingehen: Weil es elegant ist, ohne sich ständig selbst beim Elegantsein zuzusehen.
5. Café Eiles – Josefstadt statt Postkarten-Wien
Das Café Eiles liegt dort, wo Wien wieder stärker Wohnstadt als Sehenswürdigkeit wird: in der Josefstadt. Und genau das merkt man dem Publikum an.
Morgens Kaffee und Zeitung, mittags Essen, nachmittags Gespräche und zwischendurch Menschen, die offensichtlich nicht zum ersten Mal hier sitzen. Das Eiles ist kein stillgelegtes Relikt aus einer vergangenen Epoche, sondern ein Kaffeehaus, das tatsächlich noch Teil des Alltags ist.
Gerade das macht es für Besucher interessant. Denn wer Wien kennenlernen möchte, sollte nicht ausschließlich dorthin gehen, wo alle anderen Wien kennenlernen möchten.
Manchmal reicht es, dort zu sitzen, wo Wiener selbst ihren Dienstag verbringen.
Warum hingehen: Weil sich Wien hier nicht präsentiert. Es passiert einfach.
6. Café Goldegg – ein Kaffeehaus fürs Versumpern
Das Café Goldegg im vierten Bezirk gehört zu jenen Orten, bei denen man leicht länger bleibt als geplant. Das historische Interieur bringt genau die richtige Portion Alt-Wien mit, ohne dass man das Gefühl bekommt, jemand hätte es eigens für Instagram arrangiert.
Und damit erfüllt es eine der wichtigsten Voraussetzungen eines guten Kaffeehauses: Man verliert ein bisschen das Zeitgefühl.
Man bestellt einen Kaffee, liest etwas, beobachtet den Raum und überlegt irgendwann, ob ein zweiter Kaffee nicht eigentlich vernünftiger wäre, als jetzt aufzustehen.
Die Antwort lautet in Wien selbstverständlich ja.
Warum hingehen: Weil ein gutes Kaffeehaus nicht dafür sorgen sollte, dass man möglichst schnell wieder geht.
7. Café Korb – mitten im ersten Bezirk und trotzdem eigenwillig
Das Café Korb ist der Beweis, dass man für ein Kaffeehaus mit Charakter nicht zwingend die Innenstadt verlassen muss. Nur wenige Schritte vom Stephansplatz entfernt liegt ein Haus, das sich eine bemerkenswerte Eigenwilligkeit bewahrt hat.
Das Korb verbindet klassische Kaffeehauskultur mit einer deutlich kunstvolleren, manchmal fast exzentrischen Seite. Gerade dieser Kontrast macht es spannend. Hier fühlt sich Wien weniger nach Kaiserzeit und mehr nach jener Stadt an, in der Künstler, Intellektuelle, Stammgäste und Menschen mit sehr viel Zeit seit jeher nebeneinandersitzen.
Natürlich kommen hier Touristen vorbei. Aber das Café Korb existiert nicht ihretwegen.
Und genau das ist der Punkt.
Warum hingehen: Weil man selbst mitten im touristischen Wien noch ein Kaffeehaus finden kann, das seine eigene Persönlichkeit behalten hat.
Woran erkennt man eigentlich ein echtes Wiener Kaffeehaus?
Nicht daran, dass kein Tourist darin sitzt. Das wäre in einer Stadt wie Wien ohnehin ein ziemlich fragwürdiges Qualitätsmerkmal.
Ein gutes Wiener Kaffeehaus erkennt man vielmehr daran, dass es auch dann funktionieren würde, wenn morgen kein einziger Reiseführer darüber schreiben würde.
Es gibt Stammgäste. Menschen lesen Zeitung. Niemand hält es für ungewöhnlich, allein am Tisch zu sitzen. Man darf länger bleiben, als es wirtschaftlich eigentlich vernünftig erscheint, und der Raum hat eine Persönlichkeit, die nicht erst für Social Media erfunden wurde.
Vor allem aber besitzt ein echtes Kaffeehaus etwas, das sich schwer bestellen lässt:
Zeit.
Denn die große Wiener Kaffeehaustradition besteht nicht darin, möglichst guten Kaffee möglichst schnell zu trinken. Sie besteht darin, einen Kaffee zu bestellen – und für eine Weile das Gefühl zu haben, dass man eigentlich nirgendwo anders sein muss.
Vielleicht ist genau das der Luxus, für den sich ein Umweg durch Wien wirklich lohnt.