
Wiener Sudern: Bedeutung & warum Wiener so gerne sudern
Die Wiener Kunst des gepflegten Suderns: Warum wir eigentlich gar keine Lösung wollen
Es ist zu heiß. Zu kalt. Zu windig. Zu wenig los. Zu viel los. Die Bim ist voll, der Kaffee teuer und irgendwo wird sowieso schon wieder gebaut. Willkommen in Wien – einer Stadt, in der man selbst an einem nahezu perfekten Tag zuverlässig etwas findet, über das man sudern kann.
Doch wer glaubt, Sudern sei einfach nur Jammern, unterschätzt eine der feinsten Disziplinen der Wiener Alltagskultur. Denn beim gepflegten Sudern geht es erstaunlich selten darum, ein Problem tatsächlich zu lösen. Viel wichtiger ist der gemeinsame Moment: Einer beginnt, der andere stimmt ein – und plötzlich versteht man sich.
Vielleicht ist Sudern deshalb weniger Ausdruck von Unzufriedenheit als eine ziemlich wienerische Form der Verbundenheit.
Was bedeutet „sudern“ eigentlich?
Sudern bedeutet im österreichischen Sprachgebrauch, sich ausgiebig zu beschweren, zu jammern oder über etwas zu raunzen. Dabei geht es oft um alltägliche Dinge: das Wetter, die Arbeit, den Verkehr, die Preise oder schlicht darum, dass heute wieder einmal alles ein bisschen mühsam ist.
Doch die Übersetzung mit „jammern“ greift zu kurz. Echtes Sudern braucht keine Katastrophe. Im Gegenteil: Je kleiner das Problem, desto schöner lässt sich manchmal darüber reden.
Die Bim kommt drei Minuten später? Ein Anfang. Der Kaffee kostet plötzlich zwanzig Cent mehr? Hervorragendes Material. Im August hat es 34 Grad? Darüber lässt sich ein ganzer Nachmittag bestreiten.
Sudern macht aus kleinen Ärgernissen gemeinsame Gesprächsthemen.
Warum sudern Wiener so gerne?
Weil man dafür erstaunlich wenig voneinander wissen muss. Zwei völlig fremde Menschen können an einer Haltestelle stehen, auf die Anzeige schauen und innerhalb weniger Sekunden durch ein gemeinsames „Na super“ miteinander verbunden sein.
Sudern ist ein unkomplizierter sozialer Code. Man muss nicht fragen, was jemand beruflich macht, wie sein Wochenende war oder welche fünf Jahresziele er verfolgt. Es reicht, gemeinsam festzustellen, dass die Rolltreppe schon wieder nicht funktioniert.
Und schon hat man etwas miteinander.
Vielleicht ist genau das der unterschätzte Charme daran: Sudern schafft Nähe, ohne persönlich werden zu müssen.
Beim Sudern geht es nicht unbedingt um eine Lösung
Das ist eine wichtige Regel.
Wer einem Wiener beim Sudern sofort fünf Lösungsvorschläge präsentiert, hat möglicherweise das Gespräch missverstanden.
„Dann fahr doch mit einer anderen Linie.“
Darum geht es nicht.
„Dann geh halt woanders hin.“
Auch nicht.
„Dann nimm morgen einen Regenschirm mit.“
Bitte nicht.
Manchmal möchte ein Mensch einfach sagen, dass etwas mühsam ist – und vom Gegenüber ein verständnisvolles „Na eh“ bekommen.
Das Problem muss danach nicht verschwunden sein. Es reicht vollkommen, dass jetzt zwei Menschen wissen, dass es existiert.
Das Wetter: die Champions League des Suderns
Kaum ein Thema eignet sich besser zum Sudern als das Wiener Wetter, denn es bietet praktisch ganzjährig verlässliches Material.
Im Winter ist es zu grau. Im Frühling wird es „auf einmal wieder kalt“. Im Sommer ist es selbstverständlich viel zu heiß. Und sobald nach mehreren heißen Tagen endlich Regen kommt, regnet es natürlich genau dann, wenn man etwas vorhat.
Selbst der perfekte Frühlingstag hat Schwächen.
„Schön is schon, aber am Abend wird’s sicher frisch.“
Das ist kein Pessimismus.
Das ist Vorbereitung.
Denn wer sich zu früh über gutes Wetter freut, riskiert schließlich, später enttäuscht zu werden.
Grant, Raunzen und Sudern – ist das dasselbe?
Nicht ganz. Die Begriffe liegen nah beieinander, beschreiben aber unterschiedliche Dinge. Grant ist eher eine Stimmung, Sudern ist das Aussprechen der Unzufriedenheit und Raunzen wird häufig ähnlich wie Jammern oder Meckern verwendet.
Ein Mensch kann also grantig sein, ohne ein Wort zu sagen. Sobald er ausführlich erklärt, warum heute wieder alles mühsam ist, nähert er sich dem Sudern.
Kommt dann noch eine gute Pointe dazu, sind wir beim Wiener Schmäh.
Und wenn all das bei einer Melange passiert, ist das kulturelle Gesamtbild nahezu vollständig.
Die Bim als natürlicher Lebensraum des Suderns
Öffentliche Verkehrsmittel bieten in Wien hervorragende Bedingungen für spontane Solidargemeinschaften.
Eine Straßenbahn bleibt stehen. Niemand weiß warum. Die ersten Menschen schauen auf die Uhr. Irgendjemand seufzt demonstrativ. Dann kommt die Durchsage, die niemand richtig versteht.
Und schließlich sagt jemand:
„Des is wieder typisch.“
Mehr braucht es nicht.
Für einen kurzen Moment ist der ganze Waggon vereint. Menschen, die sich noch nie gesehen haben und wahrscheinlich nie wiedersehen werden, teilen dieselbe Überzeugung: Genau heute hätte das wirklich nicht passieren müssen.
Sobald die Bim wieder fährt, ist die Gemeinschaft beendet.
Bis zur nächsten Störung.
Warum gemeinsames Sudern sogar etwas Herzliches haben kann
In vielen Kulturen versucht Small Talk möglichst positiv zu bleiben. Man spricht über schönes Wetter, erzählt, dass alles „great“ ist, und versichert sich gegenseitig, wie wunderbar der Tag läuft.
Wien hat dafür eine etwas andere Methode.
Hier kann Verbindung gerade dadurch entstehen, dass man gemeinsam feststellt, was nicht passt. Das wirkt von außen negativ, ist aber häufig erstaunlich gesellig.
Denn gemeinsames Sudern enthält eine unausgesprochene Botschaft: Du siehst das auch? Sehr gut. Dann verstehen wir uns.
Vielleicht ist das der Grund, warum sich ein gepflegtes gemeinsames Raunzen manchmal fast gemütlich anfühlt.
Die Königsdisziplin: Sudern, obwohl eigentlich alles passt
Wirklich gutes Sudern braucht keinen schlechten Tag.
Man kann im Schanigarten sitzen, die Sonne scheint, der Kaffee steht am Tisch und man hat eigentlich überhaupt keinen Grund zur Beschwerde.
Fast keinen.
„In der Sonne is schon wieder zu heiß.“
Perfekt.
Denn darum geht es beim Wiener Sudern vielleicht am Ende: nicht darum, dass alles schlecht ist, sondern darum, dass nichts so perfekt sein muss, dass man nicht noch einen kleinen Makel finden könnte.
Das hält die Erwartungen niedrig und die Gespräche am Laufen.
Kann man als Tourist richtig sudern?
Natürlich – aber bitte mit Gefühl.
Sudern bedeutet nicht, Personal schlecht zu behandeln, über die Stadt herzuziehen oder sich möglichst laut über alles zu beschweren. Das wäre nicht charmant, sondern einfach unangenehm.
Die schönere Variante ist selbstironisch. Die Situation ist eigentlich halb so schlimm, man weiß das auch – und kommentiert sie trotzdem mit angemessener Dramatik.
Wenn nach einem wunderschönen Sommertag plötzlich ein kurzer Regenschauer kommt, wäre ein leicht resigniertes „Na super, war ja klar“ schon ein guter Anfang.
Wichtig ist nur: nicht zu sehr bemühen.
Auch Sudern will natürlich aussehen.
Sudern ist vielleicht die wienerischste Form von Small Talk
Man könnte Wien als Stadt der großen Kultur beschreiben: Oper, Museen, Architektur, Kaffeehäuser. Aber manchmal versteht man einen Ort besser durch seine kleinen Gewohnheiten.
Sudern gehört dazu.
Es macht aus einer verspäteten Bim ein Gesprächsthema, aus schlechtem Wetter eine Gemeinschaftserfahrung und aus einem kleinen Ärgernis manchmal einen ziemlich lustigen Moment.
Vielleicht wollen Wiener beim Sudern deshalb tatsächlich nicht immer eine Lösung. Vielleicht wollen sie etwas viel Einfacheres: kurz gehört werden, gemeinsam die Augen verdrehen und anschließend weitermachen.
Denn nachdem ausführlich festgestellt wurde, dass alles mühsam, teuer, heiß, kalt oder „a Wahnsinn“ ist, passiert meistens etwas Erstaunliches:
Das Leben geht ganz normal weiter.
Und so schlecht war’s eigentlich eh nicht.